Spatz, wo bist du?
Wieder einmal steht der Sommer vor der Tür. Er schickt – wie in jedem Jahr – Licht, Wärme und Zuversicht auf die Erde. Es ist ein gewöhnlicher Werktag. Die Morgensonne malt ein zartes Rosarot an den Himmel. Wer nicht gerade Urlaub hat und ausschlafen kann, geht seiner gewohnten Arbeit nach und freut sich auf einen lauen Abend im Schwimmbad, auf der Terrasse oder im Grünen.
Da sich das schöne Wetter gestern schon ankündigte, habe ich mir frei genommen und bummle Überstunden ab. Die Kinder sind im Kindergarten. Schon morgens um neun Uhr ist es ungewöhnlich warm. Fast wie im Hochsommer. Zu warm, um im Garten zu arbeiten oder in die Stadt zu gehen. Ich entscheide mich für einen Spaziergang und überlege, wo es schattig und kühl sein könnte. Die Bewegung und die Ruhe in der Natur würden mit gut tun. Die letzten Wochen waren hektisch und arbeitsreich.
Mir fällt der Wald am Stadtrand ein, der zu beiden Seiten der Landstraße einen großen Teil der Umgebung einnimmt. Als Kind war ich sehr oft in diesem Wald. Jeden Sonntag sind wir dort spazieren gegangen: Meine Eltern, mein Bruder, manchmal auch Oma und ich. Damals war es üblich, nach dem Mittagessen mit der Familie die Natur zu erwandern. Man setzte sich anschließend gemütlich zu einer Tasse Kaffee und einem Stück Sahnetorte zusammen und genoss das Wochenende. Heutzutage sind nur noch selten Spaziergänger im Wald anzutreffen. Die Zeiten haben sich gewandelt, die Menschen gehen anderen Beschäftigungen nach.
Es ist ein großer Wald mit Laub- und Nadelbäumen, hellen Lichtungen und dichtem Unterholz. Es ist still an diesem Vormittag. Kein Mensch außer mir verirrt sich zu dieser Stunde hierher. Ich bleibe stehen und lausche. Ein leichter Wind weht durch die Baumwipfel und erzeugt einen wohltuenden Luftzug. Die Blätter der Bäume rauschen. Obwohl die frühen Sonnenstrahlen den Waldboden noch nicht erreichen, sind die Tiere längst wach. Regenwürmer graben sich durch das Erdreich, Eichhörnchen springen lautlos von Ast zu Ast und ein paar Rehe suchen sich ihre Mahlzeit. Dies alles geschieht still und scheinbar unbemerkt. Ein Specht hämmert geräuschvoll ein Loch in die Rinde eines Baumes. Irgendwo knackt es im Unterholz. Ich sauge den Duft des Waldes ein und spüre die Erholung, die sich langsam in mir breit macht.
Vor einer mächtigen, alten Eiche bleibe ich stehen und blicke nach oben in ihre Baumkrone. Auf halber Höhe entdecke ich einen Vogel, der mit keckem Blick auf mich herab schaut. Es ist ein Spatz. Er plustert sich auf und breitet die Flügel aus. Habe ich ihn erschreckt? „Hallo Spatz!“, begrüße ich ihn und bleibe regungslos stehen. „Was machst du denn hier im Wald?“ Er kommt zur Ruhe, richtet aufmerksam seine kleinen, schwarzen Kulleraugen auf mich und piepst leise. Es ist, als würde er meinen Gruß erwidern. Ausgiebig putzt der Kleine sein Gefieder, ohne mich dabei aus den Augen zu lassen. Ich schaue ihm eine Weile zu, und setze dann meinen Spaziergang fort. Zwei Stunden später nimmt mich der Alltag gefangen und ich vergesse die Begegnung im Wald für ein paar Stunden.
Wenige Tage später – ich bin erschöpft von den alltäglich anfallenden Arbeiten und dem Toben mit den Kindern – mache ich mich erneut auf den Weg. Diesmal ist es Nachmittag. Mein Mann ist mit den Kindern zum Baden an den Baggersee gefahren. Während die glühende Sommerhitze einen Aufenthalt in der direkten Sonne unerträglich macht, tut mir die Kühle des Waldes gut. Ich nehme denselben Weg wie beim letzten Mal und stehe nach kurzer Zeit wieder vor der alten Eiche. Der Spatz begrüßt mich mit einem zaghaften Pfeifen. Er hockt auf einem abgeknickten Ast in luftiger Höhe, fliegt kurz auf und landet auf einem Zweig, etwa zwei Meter von meinem Kopf entfernt. Unternehmungslustig blitzen mich seine wachen Augen an. Ich lächle und spreche leise mit ihm. Er legt seinen Kopf zur Seite und es sieht so aus, als lausche er andächtig meiner Stimme. Still und bewegungslos beobachte ich ihn und präge mir die Farbe seines Gefieders ein. Es glänzt und es ist so braun wie Nougat-Schokolade. Behutsam hebe ich meine rechte Hand und spüre, wie der Spatz unruhig wird. Ich will ihn nicht erschrecken und trete langsam einen Schritt zurück. Dann verabschiede ich mich: „Tschüss, Spatz. Bis bald!“
„Ich gehe spazieren!“, rufe ich meinem Mann zu, als es mich am nächsten Tag kurz vor dem Abendessen wieder in den Wald zieht. Er sitzt auf der Terrasse, schaut für einen Moment von seiner Zeitung auf und nickt: „Geh nur! Ich komme schon klar.“ Die Kinder spielen mit Sandförmchen und Gießkanne im Garten. Um ihr Wohlergehen brauche ich mir keine Sorgen zu machen. Voller Vorfreude auf meine kleine Auszeit frage ich mich gespannt, ob ich meinen gefiederten Freund wieder antreffen werde. Wenig später nähere ich mich dem Baum, auf dem ich den Spatz vermute. Schon von Weitem ist sein aufgeregtes Zwitschern zu hören und bei näherer Betrachtung erkenne ich, wie er seinen kleinen, kugelrunden Körper auf einem dicken Ast hin und her wiegt. Er blickt mich an, als hätte er mich erwartet. „Hallo, mein Spatz!“, begrüße ich ihn und nehme auf einem flachen Baumstumpf unterhalb des Baumes Platz. Voller Neugier beobachten wir uns gegenseitig. Ich frage mich, wie ein so kleines Wesen dermaßen klug sein kann.
Und der Spatz? Was mochte er gerade denken? Anscheinend genießt er meine Nähe, denn er zwitschert in den fröhlichsten Tönen und reckt dabei seinen geöffneten Schnabel weit nach oben. Beeindruckt von dem Privatkonzert ziehe ich eine Tüte mit einer Körnermischung aus der Tasche, fische eine Handvoll Futter heraus und halte es meinem kleinen Freund mit ausgestrecktem Arm entgegen. Als er das Mitbringsel sieht, verstummt er für einen Moment. Dann höre ich aus seiner Kehle einen leisen, piepsenden Ton. „Na komm, Kleiner!“, locke ich ihn. „Das hier ist für dich. Es schmeckt lecker!“ Eine Sekunde später setzt der Spatz zum Sprung an, fliegt kurz auf und landet auf meinem Handgelenk. Mit seinem winzigen Schnabel pickt er sich ein Korn heraus und flüchtet mit der Beute auf einen Zweig in sicherer Entfernung. Erst dann widmet er sich seiner Mahlzeit. Dieses Spiel wiederholt sich ein paar Mal und ich spüre, wie sich das Vertrauen langsam festigt. Satt und zufrieden sitzt der Kleine auf seiner Eiche und putzt sich die Schwanzfedern. Ich erzähle ihm von mir und er hört mir aufmerksam zu. Beim Abendessen berichte ich meiner Familie, dass ich einen Vogel zum Freund habe. Die Kinder lauschen andächtig und stellen mir neugierige Fragen. Nur mein Mann schaut mich verständnislos an. Es macht mir nichts aus. Ich allein weiß, was ich erlebt habe. Ganz bestimmt werde ich wieder in den Wald gehen und diesen kleinen Vogel treffen.
Eines Morgens wache ich auf und lächle. Ich habe von ihm geträumt. Wir sind inzwischen die dicksten Freunde geworden. Mein Spatz erkennt am Stand der Sonne, wann ich in seinen Wald komme. Es ist immer dieselbe Zeit am Nachmittag. Er gibt mir das Gefühl, dass er auf mich wartet. Sobald ich den Weg herunterkomme, der zu seiner Eiche führt, fliegt er mir entgegen und begrüßt mich laut zwitschernd. Manchmal bringt er Begleitung mit. Meist sind es andere Spatzen, denen er mich vorstellen will. Sie beäugen mich kritisch und wachsam. Wenn ich dann unter der Eiche das Futter auspacke, ist es immer nur mein Freund, der sich bedient. Die anderen Vögel trauen mir nicht, verlieren das Interesse und lassen uns allein zurück. Wir unterhalten uns oft sehr lange. Ich erzähle von meinen täglichen Erlebnissen im Büro und von den kleinen Sorgen und Nöten mit den Kindern, von meinen Wünschen und Sehnsüchten. Im Gegenzug verwöhnt er mich mit wundersamen Liedern, die aus seiner Kehle ganz besonders hübsch klingen. Er tut mir gut. Ich spüre, wie ich bei ihm im Wald die Ausgeglichenheit finde, die ich im Alltag benötige.
Es wird Herbst, die Tagestemperaturen gehen zurück und die Blätter an den Bäumen wechseln ihre Farbe. Die Tage werden kürzer und nur wenige Minuten am Tag scheint die Sonne durch das immer noch dichte Blätterdach des Waldes. Die regelmäßige Begegnung mit dem Spatz wird zur wohltuendsten Gewohnheit in meinem Leben. Sein Vertrauen, die frische Luft und die Zeit, die ich an diesem Ort nur für mich habe, geben mir Kraft. Ich bin glücklich.
Eines Tages ist alles anders als sonst. Ich spüre es schon in dem Moment, in dem ich in den Wald hineingehe. Die ungewöhnliche Stille um mich herum wirkt bedrückend. Niemand fliegt mir fröhlich zwitschernd entgegen. Ich beschleunige meinen Schritt und eile zur Eiche. „Spatz, wo bist du?“, rufe ich ungeduldig. Ich lausche und höre nichts. „Spatz!“ Wieder nichts. Zunächst ergreift mich eine innere Unruhe, dann steigt Panik in mir auf. „Bleib ruhig!“, fordere ich mich auf. Ich zwinge mich, klar zu denken und überlege, wie ich die Situation meistern werde. Mein suchender Blick erfasst nur ein paar Artgenossen, die in der Baumkrone der Eiche sitzen und die Köpfe zum Schlafen in ihr Gefieder stecken.
Ich setze mich auf meinen Lieblingsplatz, den Baumstumpf, und starre ratlos auf den Waldboden. Sekunden später registriere ich, dass mein liebster Freund direkt vor mir hockt und leise fiepend zu mir aufblickt. Irgendetwas stimmt nicht mit ihm. Sein linker Flügel hängt schlaff an seinem Körper herunter. Ich erschrecke und flüstere ihm zu: „Süßer, was ist mit dir los? Du siehst ja ganz krank aus. Komm zu mir. Lass mich das mal genauer anschauen!“ Ich drehe meine Handflächen nach oben und halte sie vor dem verletzten Vogel dicht über dem Waldboden. Mit letzter Kraft hüpft er hinein und lässt sich von mir untersuchen. Es scheint, dass der Flügel gebrochen ist. Schützend lege ich meine Hände um seinen zitternden Körper und eile mit ihm nach Hause. Mein Mann ist gerade fertig mit den Vorbereitungen für unser gemeinsames Abendessen. Er schimpft ungehalten mit mir, weil ich ihn bitte, die Adresse eines Tierarztes herauszusuchen. „Warum überlässt du den Vogel nicht seinem Schicksal?“, fragt er mich. „Der stirbt doch sowieso. Da müssen wir dem Tierarzt nicht noch unnötig Geld in den Rachen schieben!“ „Du verstehst das nicht“, erwidere ich wütend. „Ich muss ihn retten. Er ist mein Freund“. Nur die Kinder fühlen mit mir und helfen, den Spatz zu wärmen und ihn zum Tierarzt zu bringen.
„Der Vogel wird nicht sterben“, beruhigt mich der Doktor. „Es ist nur ein gebrochener Flügel. Wir legen eine Schiene an. Dann gönnen wir dem Kleinen ein paar Tage Ruhe, befreien ihn von der Schiene und lassen ihn wieder frei“. Die folgenden Tage verstärken das Band zwischen dem gefiederten Zweibeiner und mir. Er erholt sich und fühlt sich sichtlich wohl. Ich genieße es, ihn den ganzen Tag um mich zu haben und erzähle ihm alles, was mir in den Sinn kommt. Er hört geduldig zu und gibt ab und zu einen piepsenden Kommentar dazu ab. Mittlerweile finden auch die Kinder immer mehr Gefallen an unserem neuen Haustier und versorgen den Spatz liebevoll mit Wasser, getrockneten Beeren und Körnern. Ein paar Tage später entferne ich die Schiene von seinem heilenden Flügel. „Versuch mal zu fliegen!“, fordere ich ihn auf und halte ihn hoch über meinem Kopf. Er zögert. Vermutlich fürchtet er, beim Flugversuch abzustürzen. „Hab keine Angst, du bist wieder gesund. Vertraue mir, kleiner Freund. Du weißt, dass du das kannst!“ Meine Worte wecken seine Lebensgeister. Er breitet die Flügel aus, hebt ab, dreht eine Runde durch die Küche und landet sicher auf meinem Arm. Dann krallt er sich in meinem Pullover fest und klettert am Ärmel hinauf auf meine Schulter. Oben angekommen lehnt er seinen flauschig-weichen Körper an meine Wange und zupft mit seinem spitzen Schnabel liebevoll an meinem Ohrläppchen. Es ist, als wolle er „Danke!“ sagen. So nah waren wir uns noch nie. Ich genieße den Augenblick und weiß, dass ich den Spatz in den Wald zurückbringen muss. Mein Mann würde nie erlauben, dass ich ihn zu Hause behalte.
„Komm, Süßer! Ich bringe dich nach Hause“. Am nächsten Nachmittag mache ich mich auf den Weg. Zwei Wochen lang bin ich nicht im Wald gewesen. So lange hatte es gedauert, bis der kleine Vogel wieder flugtüchtig war. Die Kinder sind zum Spielen bei ihren Freunden und mein Mann wird noch im Büro gebraucht. Ich habe alle Zeit der Welt, um zu tun, was nötig ist. Also verlasse ich das Haus und gehe in Richtung Wald. Es scheint, dass der Spatz, der noch immer auf meiner Schulter sitzt, die frische Luft genießt. Als wir in die Nähe seiner Eiche kommen, breitet er seine Flügel aus und fliegt los. Von der Behinderung durch den Bruch ist nichts mehr zu sehen. Ich bin froh, dass ich helfen konnte. Wer weiß, ob mein Freund ohne meine Unterstützung überlebt hätte.
An diesem Tag bleibe ich zwei Stunden im Wald. Erst als es dunkel wird und ich zu frieren beginne, verabschiede ich mich. „Tschüss, Kleiner!“, flüstere ich ihm zu und wische mir eine Flut von Tränen aus meinem Gesicht. „Ich komme morgen wieder. Wartest du auf mich?“ Der Spatz schaut von seinem Lieblingsast auf mich herab, zieht ein Bein ein und plustert sich auf. Müde und zufrieden schläft er ein.
An diesem Abend komme ich nicht zur Ruhe. Ich wälze mich in meinem Bett hin und her und frage mich, wie es weitergehen soll. Ich habe den Spatz lieb gewonnen und mich an seine tägliche Gesellschaft gewöhnt. Was würde geschehen, wenn er eines Tages nicht mehr auf seinem Ast auf mich wartet und mir entgegenfliegt? Könnte ich mit der Situation umgehen? Würde es mir leicht fallen, auf seine Gegenwart zu verzichten? Oder wäre ich traurig? So unendlich traurig, dass nichts mich trösten könnte?
Auf all meine Fragen finde ich in dieser Nacht keine Antwort. Mein Mann, der neben mir liegt, schläft ruhig und tief atmend. Dass ich mich in diesem Moment einsam fühle, kann er nicht wissen. Seine unwürdige Reaktion auf meinen Vogelfreund habe ich ihm längst verziehen. Leise weinend krieche zu ihm unter die Bettdecke und schmiege mich an seinen entspannten Körper. Ich will, dass er mich wärmt. Seine Nähe gibt mir Trost. Die Tränen versiegen. Ich schlafe ein und wünsche mir, am nächsten Morgen voller Vertrauen und Zuversicht wieder aufzuwachen.
© Birgit Rentz, 1. März 2009