Birgit Rentz - Autorin und Lektorin

Lichtblick

Gibt es im Leben immer nur gute Tage? Nein, ganz sicher nicht. Da ist es wichtig, positiv zu denken und schlechte Gedanken zu verbannen. Dann ist es möglich, dass man wieder lächeln kann. Dann ist es ein Lichtblick.

"Raus aus der Starre! Los, beweg dich!" Das ist das Motto meiner nachfolgenden Gedanken:


Starre – was für ein negativer Begriff! Starre bedeutet Stille, Stillstand, Bewegungslosigkeit, plötzlich anhalten und ungewollt verharren. Nichts geht mehr!

Eigentlich müsste mein Beitrag hier zu Ende sein, es ist alles gesagt.

Oder?

Es ist schon erstaunlich, wie mich in diesem Moment allein schon der vorgegebene Begriff lähmt. Meine Schultern lassen mich die Verspannung spüren, die das stundenlange Arbeiten am Laptop mit sich bringt. Vielleicht ist das so, weil ich stets auf die Buchstaben starre, die auf dem Bildschirm erscheinen? Weil ich mir überlege, wie ein Satz besser klingt als der, der schon dasteht. Weil ich nach Fehlern suche und es mir nicht leisten kann, locker und lässig an die Sache heranzugehen? Auf Haltung achte ich da nicht. Meine Söhne, die ihre selbständig arbeitende Mutter ständig vor dem Laptop hocken sehen, müssen denken, ich wäre festgewachsen. Wie zur Salzsäule erstarrt – die nur ihre Ausläufer zuckend bewegt.

Aua, die Schultern – sie tun weh!

Vorhin habe ich Pause gemacht, bin in den ersten Stock hinaufgerannt und habe die „Elli“ freigeräumt. Elli ist mein Ellipsentrainer oder – verständlicher übersetzt – mein Crosstrainer. Vor vielen Jahren wollte ich so ein Gerät unbedingt haben. Weil es ja so gelenkschonend ist, darauf zu trainieren. Weil man nicht vor die Tür muss und dabei sogar fernsehen kann. Klar, her mit der Elli! Die Investition wird sich schnell auszahlen, denn ich werde meinen Körper auf ihr fit halten. So waren meine Gedanken vor vielen Jahren. Und was war? Elli ist der praktischste Kleiderständer, den man sich in seinem Schlafzimmer vorstellen kann. Über Ellis Stangen kann man Pullover hängen, Hosen, Hemden und Blusen. Genau, nicht nur meine Sachen, sondern auch die meines Gatten, der damals vehement gegen die Anschaffung der kostspieligen Elli war. Hunderte von D-Mark für einen „Kleiderständer“ – im Nachhinein muss ich ihm recht geben.

Aber, wie schon gesagt, ab heute hat der Stillstand im Schlafzimmer ein Ende. Die Kleider haben einen anderen Platz gefunden und ich habe mich bewegt. Linker Arm, rechtes Bein – rechter Arm, linkes Bein. Ganz einfach! Schritt für Schritt, Minute um Minute, Kilometer für Kilometer. Und, was das Beste ist: Kalorien für Kalorien! Für fünf Minuten habe ich Ellis Arme und das Schwungrad in Bewegung gebracht. Für sagenhafte fünf Minuten. Das ist nicht viel, sagen Sie? Haben Sie eine Ahnung! Das ist mehr, als Elli und ich in den letzten Monaten gemeinsam erlebt haben. Meine Starre war ihre Starre, und nun sind wir beide losgerannt. Es tat nicht einmal weh! Im Gegenteil, mein Nacken und meine Schulterpartie scheinen aufzuatmen und nach weiteren Elli-Einheiten zu schreien. Die Idee, mich zu bewegen, war also gut!

Starre kann in vielen Lebensbereichen auftreten. Meine Schilderung ist nur eine von vielen. Menschen können erstarren, wenn sie einen geliebten Mitmenschen verlieren oder ihren Arbeitsplatz. Auch bei der Arbeit oder in der Ehe kann man auf der Stelle treten, in eine Starre verfallen. Starre heißt Stillstand, so habe ich anfangs geschrieben. Dieser Stillstand – egal, in welcher Situation er uns trifft – kommt aber nicht einfach durch die Hintertür. Wir sorgen selbst dafür, dass die Welt um uns herum stehen bleibt, dass nichts mehr geht. Wir Menschen sind schuld – nicht der Arbeitgeber, unser Lebenspartner, ein Freund oder irgendeine verhasste Situation. Es ist unsere Entscheidung, ob wir stehen oder ob wir gehen. Keiner kann uns diese Entscheidung abnehmen.

Das ist doch toll! Wir haben es also selbst in der Hand. War doch so, oder? Ja, natürlich: Ich – und nur ich! – entscheide über Stehen oder Gehen.

Wie blöd war ich eigentlich die ganze Zeit? Wochenlang schon habe ich abends meinem Mann die Ohren vollgejammert, weil mir der Nacken wehtat. Immer bat ich ihn, „da oben“ mal ein bisschen zu kneten, damit der Schmerz nachlässt. Er hat es getan – widerwillig, wohl wissend, dass ich jeden Abend wiederkomme und erneut jammere. Damit ist jetzt Schluss! Ich habe es doch selbst in der Hand. Es ist kein Schicksal, eingerostet zu sein. Von wegen! Ich entscheide, dass ich die Folgen der starren Haltung, mit der ich meinen Beruf am Laptop ausübe, nicht einfach so hinnehmen will. Ich nehme mich jetzt wichtig. Mich, meine Schultern und meine Nackenpartie. Jawohl! Ich könnte glatt anfangen zu tanzen – vor Freude, weil ich etwas in Bewegung gebracht habe. Weil ich der Starre trotze. Weil ich entscheide!

Elli, meine Süße ...! Stell dich schon mal darauf ein, dass ich morgen zehn Minuten lang trainiere. Und in ein paar Wochen lachen wir über die Leute, die sich Massagen verschreiben lassen. Nicht mit uns, nicht wahr, Elli?!

© Birgit Rentz, 23. Juni 2011